Sonderweg oder Trampelpfad

Als einzigstes (west-)europäisches Land hat Schweden auf einen harten Lockdown verzichtet. Nur auf eine Herdenimmunität zu setzen war nie die offizielle Position. Solange es keine wirksamen Medikamente oder Impfstoffe gibt, ist die Ausbreitung des Virus nicht zu verhindern. Die Gesellschaft muß mit diesem Virus leben und es brauche ein Modell, das über einen längeren Zeitraum funktionieren kann. Ein genereller Lockdown kann dieser Weg nicht sein. Die Infektionskurve soll möglichst flach gehalten werden. Letztendlich führt dies natürlich auch zu einer Teilimmunisierung der Bevölkerung.
Es gilt: Gebote (offizielle Empfehlungen) statt Verbote. Die Bürgerinnen werden aufgefordert soziale Kontakte zu minimieren, unnötige Reisen zu unterlassen  und die international empfohlenen Abstandsregeln einzuhalten. Homeoffice wird dringend empfohlen (und von Behörden sowie Privatwirtschaft weitestgehend umgesetzt). Wer Symptome verspürt, soll auf keinen Fall zur Arbeit gehen, sich selbst isolieren.
Die Risikogruppen, Menschen die älter als 70 sind und Personen mit Vorerkrankungen, sollen zu Hause bleiben.
Das es auch in Schweden nicht nur um wünsch dir was geht, formuliert die Regierung so: „Bei den Maßgaben der Behörde handele es sich nicht um Ratschläge, sondern um Richtlinien, die befolgt werden sollten.“

Voraussetzungen
Eine geringe Bevölkerungsdichte, die, zumindest landesweit gesehen, soziale Distanzierung vereinfacht. Der Ballungsraum Stockholm beherbergt knapp 2 Mio Einwohnerinnen. Statistisch verzeichnet Schweden mit rund 50% den höchsten Anteil an Singlehaushalten (gegenüber Spanien z.B. mit 25%) in der EU. Wie viele andere Länder hatte auch Schweden keinen Corona-Hotspot zu verzeichnen (Skipartys wie in Tirol, Fussballspiele wie in Bergamo oder Karnevalssitzungen wie in Deutschland).

Grenzschließungen
Grenzschließungen bringen nichts, so das Credo. Den Beweis wird Schweden schuldig bleiben, denn für die Schließung haben alle anderen Länder gesorgt. Reisende aus dem Rheinland, die einen Kurztripp nach Stockholm unternehmen wollen: kommen nicht einmal bis Dänemark. Und lustige Schwedinnen kommen zum Sightseeing auch nicht nach Mailand.
Bezüglich möglicher Einreiseprobleme verweist die Internetseite der schwedischen Botschaft in Deutschland auf die Internetseite des Auswärtigen Amtes. Dort steht: Die Ausbreitung der Atemwegserkrankung COVID-19 führt auch in Schweden zu verstärkten Einreisekontrollen, Gesundheitsprüfungen mit Temperaturmessungen, in Einzelfällen auch Einreisesperren.
Schweden schließt sich dem EU-Beschluß an, der ein Einreiseverbot für alle Nicht-EU-Bürger verfügt. Das Verbot wurde zwischenzeitlich bis in den Juni verlängert, auch in Schweden. Besser ist besser ?

Restriktionen – Ermächtigungen
Im Laufe des März wurden zahlreiche offizielle Empfehlungen der Regierung abgegeben: Sekundarschulen (ab Klasse 10) und Universitäten sollen schließen. In Restaurants und Bars ist ausschließlich der Service am Tisch erlaubt und es gilt Abstand halten: Gäste müssen ausreichend Platz an einem Tisch haben.
Am 11. März verabschiedete die schwedische Regierung eine Verordnung, die bis auf weiteres alle Versammlungen mit mehr als 500 Personen unter Strafandrohung verbietet. Die Entscheidung gilt u.a für Demonstrationen, Theater, Kinos, Konzerte, Sportwettbewerbe, Gottesdienste …. Die Entscheidung wurde getroffen, nachdem die Behörde für öffentliche Gesundheit bei der Regierung einen Antrag auf diese Maßnahmen gestellt hat.
Vor allem der Anstieg der Todeszahlen im Zusammenhang mit Covid-19 führte zwei Wochen später zu weiteren Verschärfungen: Besuchsverbote in Altenheimen wurden erlassen und Zusammenkünfte von mehr als 50 Menschen verboten. Auch in Schulen düfen sich nicht mehr als 50 Kinder und Lehrer gleichzeitig aufhalten.

Am 17.04 verabschiedet das schwedische Parlament ein Gesetz, dass es der Regierung ermöglicht, in der Coronavirus-Krise bestimmte Entscheidungen zu treffen, ohne vorher das Parlament zu befragen. So wird der Prozess zur Durchführung bestimmter Maßnahmen, wie etwa eine mögliche Schließung von Restaurants oder Einkaufszentren, beschleunigt. Allerdings hat das Parlament nach wie vor ein Widerrufsrecht jeglicher vom Kabinett beschlossener Maßnahmen. Die Sonderrechte für die Regierung gelten bis zum 30. Juni.
Daraufhin konnte die Regierung am letzten Aprilwochenende in Stockholm 5 Lokale schließen: Wegen nicht Einhaltung der Abstandsregeln. Zuvor gab es in der Öffentlichkeit große Kritik daran, dass sich in unzähligen Bars und Restaurants die Menschen nicht an die vorgegebenen Regeln hielten.

Wirtschaft – locker
In regelmäßigen Abständen hat google Bewegungsdaten in den Zentren der größeren Städte mit den entsprechenden Zeiträumen der vergangenen Jahre verglichen. Dies ergibt ein ähnliches Bild wie in Ländern mit stärkeren Beschränkungen. Einkaufzentren, Bahnhöfe und öffentliche Verkehrsmittel wurden ähnlich schwach frequentiert.
Verschiedene Ökonomen prognostizieren für Schweden einen ähnlich starken Wirtschaftseinbruch wie in anderen EU-Ländern. Mit einer Arbeistlosigkeit von bis zu 10% und einem Schrumpfen des BIP von bis zu 7%.
Volvo und Scania hatten ihre Werke seit Mitte März für fast vier Wochen geschlossen, die Mitarbeiterinnen in Kurzarbeit oder Zwangsurlaub geschickt. Scandic, die größte Hotelgruppe des Landes, verkündete ebenfalls Mitte März für etwa 2.000 festangestellte Mitarbeiterinnen die Kündigung, etwa die Hälfte der festangestellten Mitarbeiterinnen im Land. Gleichzeitig soll die Zahl der Zeitarbeitnehmer reduziert werden.